Deutschland, einig Vaterland? Redakteurin Elisa aus Dresden hat Erfahrungen gemacht, die das Gegenteil vermuten lassen. Und auch die Statistiken sprechen dagegen. Dabei bedarf es nur mehr Verständnis und Interesse füreinander, dann kann es noch etwas werden mit der “gefühlten Einheit”.
Ein Kommentar von Elisa Stein
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall klopfen wir uns gerne auf die Schulter und sagen: „Super, Ost und West ergänzen sich ganz hervorragend.“ Das mag sich vielleicht auf höherer politischer Ebene in allgemeinem Konsens und einem ganz wunderbaren Miteinander äußern, selbst bei der Wahl der Bundeskanzlerin beweist man Einigkeit. Im Alltag jedoch gibt es immer wieder Momente, in denen Zweifel angebracht sind, ob diese Einigkeit auch im Volk angekommen ist.
Mir als ostdeutschem Mauerkind werden in den alten Bundesländern immer wieder Fragen gestellt wie: „Habt ihr fließend Wasser?“ oder „Was, ihr empfangt auch RTL?“. Sogar auf die Panzer, die angeblich jeden Tag vor meinem Plattenbau vorbeifahren, wurde ich schon angesprochen. Müde Erklärungsversuche, dass „bei uns“ eigentlich alles so ist wie „drüben“, stoßen dann meist auf ungläubiges Staunen.
Besonders häufig sind es Menschen meines Alters, die ihr ganz eigenes Bild von der „Zone“ entwickelt haben. Sie selbst waren natürlich noch nie in den neuen Bundesländern, wissen aber, dass wir ausschließlich in grauen Blocks wohnen, einen seltsamen Dialekt sprechen und verdammt perspektivlos sind.
Die ostdeutschen Universitäten werben seit Jahren mit guter Ausstattung und geringen Lebenshaltungskosten um westdeutsche Studenten. Die aber bleiben skeptisch, kein Wunder, vermitteln doch manche Medien Horrorgeschichten von aussterbenden Städten wie Hoyerswerda, rechten Hochburgen irgendwo im Erzgebirge oder dem Stereotyp des irgendwie bekloppten Sachsen.
Aber auch die Ostdeutschen tragen keine weiße Weste. „Typisch Wessi“ – das sind für die „Ossis“ vor allem Attribute wie Arroganz, Verwöhntheit und Ignoranz. Historisches Urteilsvermögen weist man ihnen gleich gar nicht zu, wer nicht dabei war, in der DDR, der soll bitte schön auch keine Grundsatzfragen klären, nicht hinterfragen, ob die schöne Republik ein Unrechtsstaat gewesen ist.
Man hat den Eindruck, dass, je weiter die ehemalige Grenze entfernt ist, die Sympathie für den jeweils Anderen immer mehr abnimmt. Je weniger das eigene Schicksal von der Mauer berührt wurde, desto weniger berühren einen die Menschen auf der anderen Seite. Dies beweist auch eine Umfrage aus dem Jahr 2007: So sehen sich vierundsiebzig Prozent der Ostdeutschen den Westdeutschen gegenüber benachteiligt, dreiundsiebzig Prozent der Westdeutschen empfinden das aber genau umgekehrt. Bis zum “einig Vaterland” scheint es noch ein langer Weg.