Nach einem Nachmittag voll angeregter Diskussionen mit Zeitzeugen und Politikern sind die Teilnehmer der sechs Workshops noch einmal zusammengekommen, um die zusammengefassten Ergebnisse aller Gruppen zu besprechen.
Von Armin Peter
Nach einer kurzen Gesangseinlage des Liedermachers Stefan Krawczyk begann Annekathrin Ruhose mit der Vorstellung von Workshop I: “Die DDR – Mythos und Wirklichkeit.” Die Menschen in der DDR, sagte sie, hätten ein starkes Gefühl des Eingesperrtseins verspürt. Dies und das durch das Westfernsehen vermittelte Bild einer bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft weckten den Wunsch, auch so leben zu können wie die Menschen jenseits der Mauer. Ruhose: “Die DDR war westgeförderter Luxussozialismus. Den sogenannten Dritten Weg, den viele sich nach der Wende gewünscht hätten, gab es bereits – in Form der Bundesrepublik.” Um der Verklärung der DDR entgegenzuwirken sei es wünschenswert, dass der Geschichtsunterricht künftig auch über den achten Mai 1945 hinaus gehalten werde.
Auch Mario Voigt, Landesvorsitzender der Jungen Union Thüringen und Moderator des Workshops II “Wir sind das Volk! – Ruf nach Freiheit oder Freizügigkeit?”, bemerkte, dass die Menschen spätestens 1989 genug vom Sozialismus gehabt hätten. “Es war kein Materialismus, der die Leute auf die Straße getrieben hat, sondern der Wunsch nach Freiheit und Freizügigkeit, der Wille zur Wiedervereinigung und der Wunsch nach Veränderungen im Land.” Die Menschen hätten gespürt, dass sie doch eine gewisse Macht gegenüber dem so allmächtig wirkenden Regime besaßen. Zudem, so Voigt, sei man damals einer “Ethik der kleinen Schritte” gefolgt: “Das eigentliche Ziel war nicht der Umsturz, sondern eine schrittweise Öffnung des Staates hin zu mehr Bürgerrechten.”

Lucia Szymanowski stellt die Ergebnisse vor (Fotos: Armin Peter).
Der dritte Workshop hatte sich mit dem Umgang mit Diktaturen befasst. Moderatorin Lucia Szymanowski zog eine kämpferische Bilanz der vorangegangenen Diskussion: Auch heute noch sei es wichtig, sich einzubringen, da Extremismus jederzeit wieder aufkommen könne. Daher sei es auch von besonderer Bedeutung, ein gewisses Grundinteresse für die politischen Vorgänge im Lande zu entwickeln. “Die Demokratie braucht Demokraten”, zitierte Szymanowski. In Diktaturen seien intelligente Menschen am Werk gewesen, daher sei auch jetzt Wachsamkeit geboten, um die Freiheit erhalten zu können.
Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede
“Diktaturen haben Angst vor Religionen!” Mit diesem zugespitzten Fazit eröffnete der stellvertretende Bundesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), Steffen Liebendörfer, die Ergebnisse des vierten Workshops “Deutschland einig Vaterland?”. Deshalb seien Religionen in der DDR unterdrückt worden, was dazu geführt habe, dass heute im Osten drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger ohne Konfession seien – im Westen sei das Verhältnis umgekehrt. “Das führt natürlich zur unterschiedlichen Wahrnehmung verschiedener Dinge”, sagte Liebendörfer. Ingesamt aber sei die Freude über die Einheit sehr groß, im Osten noch etwas mehr als im Westen. “Trotz unterschiedlichen Generationenwahrnehmungen gibt es in Bezug auf Ost und West doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.”
“Zu wenig Zeit? Wie findet die DDR im Schulunterricht statt”, so lautete die Fragestellung von Workshop V. Moderatorin Beate Meißner stellte fest, dass in Bezug auf die DDR im Westen oftmals Desinteresse herrsche, während im Osten zunehmend Nostalgie die Oberhand gewinne. Dies führe oftmals zu einem verzerrten Geschichtsbild, zumal andere Informationsmöglichkeiten insbesondere von Jugendlichen kaum genutzt würden. “Die sehr dichten Lehrpläne tun dann ein Übriges – oft bleibt gerade Zeit für Daten und Fakten, der Rest bleibt auf der Strecke.” Die jugendpolitische Sprecherin der Thüringer CDU-Fraktion wünschte sich mehr Eigeninitiative von Lehrkräften und Schülern.
Moderator Marc Etzold, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA), machte schließlich den Abschluss mit der Präsentation der Ergebnisse des sechsten Workshops mit dem Titel “Die Revolution bei den Nachbarn – wie hat der Epochenwechsel Europa geprägt?” Er unterstrich zunächst die Bedeutung Ungarns für die Wende: “Die Öffnung der Grenzen in einem sozialistischen Bruderland war das Ventil für die Ausreisewilligen, zudem wuchs dadurch der Druck auf das SED-Regime, den eigenen Bürgern auch endlich mehr Freiheiten zu gewähren.”
Doch es seien bereits vorher wichtige Impulsgeber zu beobachten gewesen, so Etzold: “Allein die Politik von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion, Stichwort Perestroika und Glasnost, war ein wichtiges Signal an die Bürgerrechtsgruppen in der DDR.” Aber auch Gruppen in anderen Ländern, wie die Solidarnosc in Polen, seien wichtige Wegbereiter für die Friedliche Revolution gewesen. Ohne sie sei ein völliger Sturz der SED kaum denkbar gewesen.
Im Anschluss an die Präsentation diskutierten die jungen Gäste Ergebnisse, persönliche Fragen und Erfahrungen innerhalb der eigenen Familien mit den Moderatoren und dem Liedermacher Stefan Krawczyk.

…so Ruhose.
Nein, so Ruhose nicht! Leider sind die gesamten mir in den Mund gelegten Aussagen nicht von mir gemacht worden.
1. “Die Menschen in der DDR hätten ein starkes Gefühl des Eingesperrtseins verspürt.” Nach vier Lebensjahren in Thüringen weiß ich, dass dies nicht undifferenziert die allgemeine Gefühlslage ‘der Menschen’ war. Die Familie meines Freundes ist hier verwurzelt und würde sich über eine solche Aussage von mir, die es nach vielen Gesprächen besser weiß, sehr wundern.
2. “Die DDR war westgeförderter Luxussozialismus.” Ich weiß gar nicht, was hinter dieser Aussage stehen soll; entweder sie ist sinnentleert, oder ich bin zu blöd dazu. Jedenfalls kann ich sie nicht gesagt haben, weil ich sie nicht einmal verstehe. Dass der Westen zu DDR-Zeiten irgendeine Art von Sozialismus gefördert hätte wäre mir neu. Und was ‘Luxussozialismus’ ist müsste mir bitte auch noch jemand erklären. Der Begriff ist mir (in siebenjährigem Politikstudium) noch nicht untergekommen.
3. Dass der “sogenannte Dritte Weg” (ich meinte damit die Christliche Soziallehre wie sie Oswald von Nell-Breuning skizziert) in Form der Bundesrepublik realisiert war, halte ich für ein Gerücht. (Man kann anderer Meinung sein aber darum geht es hier nicht, sondern darum, was ich NICHT gesagt habe.)
4. “Verklärung der DDR”. Finde ich nicht gut. Aber die meiner Meinung nach in dieser wirtschaftlichen Lage interessantere und vor allem dringendere intellektuelle Aufgabe ist, sich sozialistischen Konzepten programmatisch und nicht ausschließlich historisch zu widmen. Und dabei klar zwischen dem POLITISCHEN Desaster von totalitären Regimes, welche sich sozialistisch nennen, und einem WIRTSCHAFTLICH sozialistischen Ansatz zu unterscheiden.
DAS habe ich gesagt.
Von: Annekathrin Ruhose am 21. Juli 2009
um 1:21 pm