“Zu wenig Zeit? Wie findet die DDR im Schulunterricht statt?” So lautete das Thema, über das Schüler, Studenten, Lehrer und Schulpolitiker verschiedener Länder engagiert und manchmal durchaus kontrovers diskutierten.
Von Lea Hartwich
Die Zeit war bei weitem nicht das einzige Problem bei der Vermittlung der DDR-Vergangenheit in den Schulen, das die Teilnehmer zur Sprache brachten. “Wie soll ich ohne finanzielle Unterstützung Projekte und Exkursionen mit Schülern machen, wenn die Eltern Hartz IV kriegen?”, wollte eine Lehrerin aus dem Publikum wissen und auch eine Schülerin der 11. Klasse hat ähnliche Erfahrungen gemacht: “Wir haben einen Schulausflug nach Buchenwald gemacht, da konnte ungefähr ein Viertel der Klasse nicht mitkommen – das kann es doch nicht sein!”
Die Lehrer kritisierten auch die Lehrpläne. Sie ließen zu wenig Freiheit und würden oftmals das Thema DDR nicht enthalten. Einer der Experten, der Geschichtslehrer und pädagogische Leiter des Grenzlandmuseums Eichsfeld, Ben Thustek, wünschte sich außerdem mehr fächerübergreifenden Unterricht: “DDR-Geschichte muss nicht ausschließlich im Geschichtsunterricht stattfinden, man kann das Thema mit Fächern wie Deutsch, Politik oder sogar Musik verbinden.”
Professor Dr. Klaus Schröder von der Freien Universität Berlin kritisierte die aktuelle Bildungspolitik und machte vor allem Maßnahmen wie das Abitur nach zwölf Jahren und die Verkürzung der Studienzeit dafür verantwortlich, dass wichtige Themen im Unterricht zu kurz kommen. Diese Maßnahmen seien jedoch unvermeidbar, erklärte Winfried Willems, Staatssekretär für Bildung im Kultusministerium Sachsen-Anhalt, denn man dürfe sich in Deutschland nicht von den europäischen Angleichungsprozessen wie den Bachelor- und Masterstudiengängen ausschließen.
Zudem wurde bemängelt, das Interesse an DDR-Geschichte sei vor allem im Westen sehr gering. Eine Lehramtsstudentin aus Nordrhein-Westfalen bemängelte, weder in der Schule, noch während des Geschichtsstudiums an der Universität sei ihr etwas über die DDR vermittelt worden. Sie findet das “sehr, sehr schade.” Geschichtslehrer Thustek bestätigte, dass auf das Thema in der Lehrerausbildung nicht genügend Wert gelegt werde. “Es gibt fast keine westdeutschen Lehrstühle für DDR-Geschichte.” Das sei ein großes Manko, da das durch Lehrer vermittelte Wissen nachweislich das politische Engagement der Schüler beeinflusse.
“Wir haben in einer Studie ermittelt, dass bei Schülern, die ihren Unterricht in Fächern wie Gemeinschaftskunde als langweilig emfinden, das Interesse an Politik sinkt”, unterstrich Angelika Barbe von der Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen. Darum müsse man dringend neue Weiterbildungsmöglichkeiten für Pädagogen schaffen.
Dass das dringend notwendig ist, zeigen zahlreiche Umfragen zum Thema DDR-Vergangenheit. So wussten beispielsweise nur 40 Prozent der ostdeutschen und 51 Prozent der westdeutschen Befragten, dass die Regierung der DDR nicht demokratisch gewählt wurde. Und auch die Entscheidung, ob die SED eine demokratische Partei war, fiel erschreckend vielen Jugendlichen schwer.
In ihren Forderungen waren sich die Experten auf dem Podium und die Teilnehmer des Workshops größtenteils einig. Lehrerfortbildungen zum Thema DDR sollen geschaffen werden, genau wie außerschulische Lernorte und Projekttage. Außerdem wünschte man sich eine Öffnung der Schule nach außen und mehr fächerübergreifenden Unterricht. Den Schülern sollen Fakten und Zusammenhänge vermittelt werden, damit sie ein eigenes Geschichtsbild entwickeln können und weniger anfällig sind für Vorurteile. Der DDR-Geschichte soll an Schulen und Universitäten größere Bedeutung zukommen.
Die Defizite haben alle erkannt, doch Lösungen zu finden stellte sich als weit komplizierter heraus. Die Politik, die Universitäten, die Schulen, keiner wollte letztendlich die Verantwortung übernehmen. “Was hat die Politik vor, zu unternehmen?”, fragte ein Schüler ganz direkt. Eine Antwort hat er an diesem Tag nicht mehr bekommen. Dennoch hat die Diskussion viele Augen geöffnet und Denkanstöße gegeben. Und das ist auch schon viel wert.