Zwei getrennte deutsche Staaten in Ost und West gibt heute nicht mehr. Doch kann man im Jahr 2009 von “Deutschland – einig Vaterland” sprechen? Jugendliche und Experten bemühen sich im gleichnamigen Workshop um eine Bilanz, 20 Jahre nach dem Mauerfall.
Von Marcus Pfeiffer
Ein Pfarrer, eine Gedenkstellendirektorin und ein Meinungsforscher – die Blickwinkel auf das Thema sind vielfältig. Ein Vorurteil können die drei schon zu Beginn entkräften. Die vielbeschworene “Mauer in den Köpfen” scheint es nicht mehr zu geben. “In den Köpfen haben wir viel mehr Einheit, als wir eigentlich denken”, sagt Uta Thofern. Als Direktorin der Stiftung, die sich um die Gedenkstätte Point Alpha kümmert, trifft sie die Menschen aus Ost und West dort, wo früher die Grenze verlief.

Keine Mauer in den Köpfen: Die Experten diskutieren (Foto: Marcus Pfeiffer).
Diese Einschätzung untermauert Dr. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach: “Bei allen Konflikten war es für die Mehrheit der Menschen wichtig, eine Einheit herzustellen.” Und nicht nur in dieser Frage waren sich die Deutschen schon vor der Wiedervereinigung einig. Als das Demoskopie-Institut im Frühjahr 1990 erste Umfragen auf DDR-Gebiet beginnt, zeigen sich weitere Gemeinsamkeiten. Besonders bemerkenswert sei dabei eine besondere deutsche Gefühlswelt: “Die Deutschen sind glücklicher und unglücklicher als alle anderen Menschen der Welt.”
Dennoch hat die vierzigjährige Teilung auch gewisse Spuren hinterlassen. Es gab Menschen in der DDR, die sich nicht nur mit dem System arrangierten, sondern sogar dafür arbeiteten. Vor allem diese Menschen hätten heute ein schlechtes Ansehen, sagt Probst Heinz-Josef Durstewitz. Er selbst hatte sich ab den 1970er Jahren für Bürgerrechte und eine neu geordnete Gesellschaft eingesetzt. Dieses Ziel prägt ihn noch heute in seiner Arbeit, mit der er den Menschen bei der Verarbeitung der deutschen Teilung helfen möchte.
“Es gibt immer noch Spannungen”, sagt Durstewitz. “Viele Leidende von Damals leiden auch noch heute.” Für ihn steht fest, dass man trotz allem nicht aneinander vorbei leben könne. Jeder habe eine wichtige Aufgabe gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen: “Jeder muss mit seiner Vergangenheit auskommen.”
Ein Problem im vereinigten Deutschland ist nach Ansicht der Diskutanten das Ost-West-Gefälle bei Lebenshaltungskosten, Renten und Gehältern. Auch die Fremdenfeindlichkeit sei gefährlich, die in den neuen Bundesländern verstärkt auftrete, aber nicht auf sie beschärnkt sei. Es handele sich um ein gesamtdeutsches Problem. Im Großen und Ganzen habe die Friedliche Revolution im Jahr 1989 jedoch deutliche Vorteile gebracht. Das falle aber nicht allen auf. “Viele haben das Gefühl, dass es ihnen schlecht geht, obwohl es ihnen eigentlich besser geht”, merkt Meinungsforscher Peters an.
In diesem Punkt stimmt auch Uta Thofern zu. Sie lobt vor allem, dass sich Ost und West gegenseitig hervorragend ergänzten. “Die Bundesrepublik ist viel schöner geworden.”