Verfasst von: Redaktion | 15. Juni 2009

Sehnsucht nach Freiheit

Der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Dr. Joachim Gauck, ist heute Vorsitzender des Vereins “Gegen Vergessen – Für Demokratie”. Nach der Podiumsdiskussion fand er Zeit, einige Fragen zu beantworten - über den Mauerfall, den Prozess der Wiedervereinigung und den Stand der Aufarbeitung der DDR-Geschichte.

Herr Dr. Gauck, wie haben Sie den Mauerfall am 09. November 1989 erlebt?

Das weiß ich noch genau. Der 09. November war ein Donnerstag, an dem wir wie immer friedlich in Rostock demonstrierten. Ich war auf der Straße und auf einmal kamen die Volkspolizisten auf uns zu. Sie sagten uns, dass die Grenze offen sei. Ich wollte es zunächst kaum glauben.

War die Grenzöffnung für Sie ein Schock?

Nein, ich war eher überrascht darüber und habe mich bodenlos gefreut. Im ersten Moment war es für mich unbegreiflich, weil es so schnell ging.

Joachim Gauck im Gespräch

Joachim Gauck im Gespräch (Fotos: Marcus Pfeiffer)

War der Prozess der Grenzöffnung viel zu übereilt?

Für die Psyche der Menschen ging das alles viel zu schnell. Schließlich muss sich erst ein Bewusstsein für die neue Situation entwickeln. Zunächst war die Angst im Volk weg. Dann kam Bewegung in die Politik. Kohl entwickelte sein „10-Punkte-Programm“ für die Wiedervereinigung. Die Sachsen und die Thüringer wollten mit ihren Konzepten dabei sogar schneller sein.

Es gab auch Pläne für eine Demokratisierung in der DDR. Wieso kam es gleich zur Wiedervereinigung?

Die Ursache für die Wiedervereinigung ist im ostdeutschen Volk zu sehen. Eine Minderheit der ostdeutschen Reaktionäre wollte zwar eine demokratische DDR erreichen. Aber bei der Diskussion dieses so genannten “dritten Weges” darf man den Faktor der wirtschaftlichen Durchführbarkeit nicht vergessen. Wenn jemand danach fragte, fehlten plausible Antworten. In der Politik muss man aber wissen, was man machen will. Daher war der Ruf „Wir sind ein Volk!“ hochrational.

Woher kommt die Diskrepanz zwischen Ost und West?

Es handelt sich hauptsächlich um ein ostdeutsches Problem mit einem Konflikt zwischen den Ostdeutschen. Wir befinden uns nach 1989 in einem Prozess des Ordnens. Jeder Mensch hat eine Sehnsucht nach Freiheit. Aber manche trauen es sich nicht zu, diesen Wunsch offen zu äußern und zu verfolgen. Die Bürgerbewegung spaltete sich daher Ende 1989 in selbstständige Menschen mit Verantwortungsgefühl und in Menschen, die der Verantwortung misstrauen und sich auf Instanzen stützen. In einer Gesellschaft muss jeder seine eigene Rolle finden. Wir befinden uns in einer Transformationsgesellschaft, die sich an die erfahrene Zivilgesellschaft des Westens anpasst.

_UB06514Resultiert aus diesem Prozess die Politikverdrossenheit, wie wir sie vor kurzem bei den Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern erleben mussten?

Die Strukturen auf den Dörfern haben sich verändert. Früher gab es eine größere Eigenständigkeit. Auf dem Dorf gab es den selbstständigen Bauern. Für die Arbeiter gab es mit den Gewerkschaften starke Arbeitnehmervertreter. Diese Eigenständigkeit fehlt in einer Diktatur. Es mangelt im Osten an Verantwortungsbewusstsein, weil die aktiven Menschen abwandern. Nun ist es an der Zeit für die Bürgerinnen und Bürger, aufzuwachen. Sie müssen das Bürgertum erlernen.

Wo sehen Sie die Aufarbeitung der DDR heute?

Bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist die Vermittlung des Wissens das größte Problem. Hier gibt es sehr starke Defizite. Bis zur vollständigen Aufarbeitung eines historischen Abschnittes müssen drei Stadien durchlaufen werden. Diese sind erstens die Leugnung, zweitens die Akzeptanz des Geschehenen und letztlich die Selbstreflexion mit der Frage “Und welche Schuld habe ich?”. Das letzte Stadium fehlt bei der Aufarbeitung, weil wir die Nostalgie lieben.

Ist dies ein speziell ostdeutscher Fall?

Nein, die Verklärung der Geschichte ist ein Kennzeichen von  Übergangsgesellschaften wie nach dem 2. Weltkrieg in Westdeuschland, heute in den neuen Bundesländern oder auch in Chile. Es gibt kein Land, wo es das nicht gibt. Man muss aber etwas dagegen tun.

Die Fragen stellte Marcus Pfeiffer.


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