Welche Ziele und Ideale hatten die Menschen im Jahr 1989 in der DDR – und was wurde nach der Friedlichen Revolution daraus? Diese Frage diskutierten Zeitzeugen im Workshop “Wir sind das Volk – Ruf nach Freiheit oder Ruf nach Freizügigkeit?” Das Fazit: Trotz kleiner Abstriche ist die Friedliche Revolution ein historischer Augenblick, über den wir uns glücklich schätzen können.
Von Lea Hartwich
“Wir sind das Volk! – Das ist doch die Aussage überhaupt!”, so begründet Stefanie Kremtz ihr Interesse an dem Workshop. Freiheit sei für uns heute so normal, dass man sich die Situation der Menschen in der DDR gar nicht mehr vorstellen könne. Über die Experten sagt die Studentin: “Das sind drei interessante Männer, die sehr viel erlebt und geleistet haben.”
Auf dem Podium sitzen Männer, die den jungen Leuten im Publikum Erfahrungen aus erster Hand vermitteln. Der Theologe und Bürgerechtler Dr. Erhardt Neubert war seit 1979 in oppositionellen Freidenskreisen der evangelischen Studentengemeinde aktiv und gehörte im Juni 1989 zu den Gründungsmitgliedern des “Demokratischen Aufbruchs”. Heute ist er Mitglied der Grundwertekommission der CDU und engagiert sich für die Aufarbeitung von Stasi-Unterlagen und der SED-Diktatur. Dr. Aribert Rothe ist Hochschulparrer und Erziehungswissenschaftler engagierte sich in der evangelischen Kirche in der DDR und ist Verfasser mehrerer Bücher über protestantische Bildungsgeschichte und politische Bildung in der DDR. Matthias Büchner war 1989 Bezirkssprecher des “Neuen Forums” in Erfurt und Mitinitiator einer der ersten Besetzungen einer Stasi-Zentrale. Später gehörte er der oppositionellen Übergangsregierung und dem Thüringer Landesparlament an. Seit 1995 ist er Bundessprecher des “Neuen Forums”.
Sie alle sprechen vor den Jugendlichen offen über ihre damaligen Visionen und Hoffnungen, aber auch über die Angst. Ob sie an Demonstrationen und anderen Protestaktionen teilnahmen oder Mitglieder oppositioneller Organistionen waren, das Wissen, dass sie jederzeit im Gefängnis landen konnten, war immer da. Aber dieses Risiko wurde bereitwillig in Kauf genommen, denn “wir haben es als wahnsinniges Glück empfunden, plötzlich frei reden zu können”, sagt Neubert. “Wenn man sich heute Fotos von den Montagsdemonstrationen anguckt, sieht man nur lachende Gesichter.”
“Wir wollten das Land verbessern, in dem wir lebten, aber wir hatten Schiss, weil wir wussten, das kann nach hinten losgehen”, so fasst Büchner die Situation der Oppositionellen in der DDR zusammen. Alle drei erklären auf die Nachfragen der Jugendlichen, ihr Motto sei eher “Wir sind das Volk” als “Wir sind ein Volk” gewesen. “Wiedervereinigung war zunächst gar nicht das Thema. Wir wollten die DDR in kleinen Schritten von innen heraus verbessern.” Ihre Feinde habe sich die Regierung teilweise selbst geschaffen, indem sie zum Beispiel Umweltaktivisten, obwohl sie Anhänger des Sozialismus waren, zu Staatsfeinden erklärte und sie somit erst politisierte.
Auf die abschließende Frage, ob aus heutiger Sicht bei der Friedlichen Revolution 1989 etwas schiefgelaufen sei, fallen die Antworten differenziert aus. “Man kann nicht wirklich enttäuscht sein über die kleinen Fehler”, so Neubert, “angesichts der viel größeren Fehler, die hätten passieren können.” Ähnlich sieht das Matthias Büchner: “Viele haben vergessen, wie dankbar wir alle 1989 waren, nachdem die Revolution friedlich und ohne Gewalt über die Bühne gegangen war.” Dennoch hätte er sich gewünscht, dass etwas von der Aufbruchsstimmung und den Ideen der DDR in das neue Deutschland miteingegangen wären.
“Ich wünsche keinem von euch, diese Erfahrung eines Lebens in Unfreiheit zu machen”, gibt Aribert Rothe den jugen Teilnehmern abschließend mit auf den Weg. “Aber auch hier gibt es noch viel zu tun. Packen wir’s an!”