Nicht nur in der DDR, auch in anderen europäischen Ländern hat sich 1989 eine Revolution abgespielt und Europa nachhaltig verändert. Gemeinsam mit Schülern, Studenten, Auszubildenden und anderen Interessierten diskutieren Experten aus Thema „Die Revolution bei den Nachbarn: Wie hat der Epochenwechsel Europa geprägt?“ Rede und Antwort stehen Prof. Dr. Hans-Joachim Veen, Bundesverdienstkreuzträger und Vorsitzender der Stiftung Ettersberg, Dr. Robert Zurek, gebürtiger Pole und Experte für deutsch-polnische Beziehungen, und der ungarische Botschafter und Publizist Gergely Pröhle.
Von Elisa Stein
Die Revolution habe drei Gesichter gehabt, erklärt Professor Veen den Zuhörern: Das einer Revolution von oben, wie sie in Ungarn praktiziert wurde, das eines Kompromisses zwischen den Herrschenden und der Opposition am Beispiel Polens und den letztlich erzwungenen Systemumbruch in der DDR.
Besonders die Vorreiterrolle Ungarns im Öffnungsprozess der sozialistischen Länder wird dabei deutlich. „Wir hatten in Ungarn einen Gulasch-Kommunismus“, frotzelt Pröhle. Von Ungarn habe man einen kritischen Blick auf die politische Realität der DDR geworfen, da den Menschen dort einige Rechte wie Reisefreiheit und offene Grenzen nicht verwehrt wurden.
„Die Zustände in Berlin waren für uns Ungarn wie aus einem anderen Jahrhundert. Der vierzigste Jahrestag der DDR war eine Witzveranstaltung“, so Pröhle und: „Irrsinn kann nicht ewig regieren.“ Auch in Polen betrachtete man den Nachbarn mit Erstaunen. „Wir dachten uns: Na endlich. Endlich rehabilitieren sich auch die preußischen Musterkommunisten“, meint Zurek. Besonders das deutsch-polnische Verhältnis sei stark von der Friedlichen Revolution in Deutschland beeinflusst worden, stellte die deutsche Teilung doch einerseits eine Sicherheit für das noch unter dem Eindruck des zweiten Weltkriegs stehende Polen dar, andererseits aber auch eine Belastung, da immer wieder Truppen der Sowjetunion durch Polen in die DDR gelangten. „Wie kann man da frei sein?“ fragt Zurek.
Aber auch noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind dessen Auswirkungen auf Europa umfassend. Besonders die EU ist davon betroffen. Hier zeigen sich während des Workshops zwei gegensätzliche Positionen: Pröhle betrachtet die EU pragmatisch, er hält eine „zunehmende Ideologisierung“ für problematisch. „Identifikation entsteht durch Kultur und Geschichte“, und die sei in Europa zu unterschiedlich und zu krisengebeutelt. Die Menschen könnten sich zu wenig mit Europa identifizieren, meint Pröhle. Von Europa werde „einfach zu viel erwartet“. Vor allem Deutschland trage daran die Hauptschuld, da sie durch den zweiten Weltkrieg ein Problem mit der Nationalität hätten und eine „europäische Einheit erzwingen“ wollten, so Pröhle.
Insgesamt habe das Ende der Teilung Deutschlands letztlich zu einem Ende der gesamteuropäischen Teilung geführt und die EU für einen bisher „einmaligen Friedenszustand“ gesorgt, meint Professor Veen. Dennoch müsse noch viel getan werden, so etwa ein einheitlichen Steuersystem eingeführt und der EU mehr Sanktionsmöglichkeiten eingeräumt werden.
Insgesamt sei das Europa der letzten zwanzig Jahre „komplizierter, reichhaltiger und schwieriger“ geworden. Dennoch ist der Grundkonsens dieses Workshops: Die Revolution war gut. Für Deutschland und seine Nachbarn. Denn, wie Robert Zurek sagt: „Wir sitzen hier heute zusammen und reden miteinander wie ganz normale Menschen- vor sechzig Jahren hätten wir auf einander geschossen.“