Verfasst von: Redaktion | 9. Juni 2009

“Demokratie braucht Demokraten!”

Wie gehen wir mit Unrechts- und Diktaturerfahrungen um? Diese Fragen stellten sich rund 40 Schülerinnen und Schüler bei einer Podiumsdiskussion mit drei Referenten, die die SED-Diktatur direkt oder indirekt am eigenen Leibe erfahren hatten.

Von Armin Peter

“Wir kommen uns auch doof vor, also traut euch und stellt eure Fragen!” Thomas Auerbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung der Birthler-Behörde, ermutigte das anfangs noch zögerliche Publikum zur regen Beteiligung an der Diskussion. Dieser Forderung schlossen sich auch der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU) und Dr. Hans-Jürgen Grasemann, vormals in der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter tätig, an. Doch was bedeutet es eigentlich, in einer Diktatur zu leben? Moderatorin Lucia Szymanowski bat die Referenten um ein kurzes Statement.

Auerbach betonte, das Leben unter der Fuchtel des DDR-Regimes sei von einem permanenten Ohnmachtsgefühl gegenüber dem übermächtigen Staat geprägt gewesen: “Überleben konnte nur, wer seine Seele verkauft hat und die einig gültige Weltanschauung anerkannte. Einen kleinen Freiraum bot lediglich die Kirche, hier war noch ein freies Einbringen möglich.” Die schönste Nacht seines Lebens sei die der Maueröffnung gewesen, so Auerbach.

Grasemann outete sich zunächst als einziger “Wessi” in der Referentenrunde. Sein beruflicher Werdegang habe ihn aber ständig mit der DDR in Kontakt gebracht. “Durch meine Arbeit in der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter war auch ich ständig im Visier der Stasi-Spitzel. Das große Archiv bot nämlich einen umfassenden Einblick in die Willkür und Grausamkeit der DDR-Justiz, das hat dem SED-Regime natürlich nicht gepasst. Wäre ich in die DDR gereist, so hätte man auch mich eingesperrt. Es sei nachweisbar, dass beispielsweise Walter Ulbricht in den Fünfzigerjahren bereits im Vorfeld von Prozesen  gegen Dissidenten die Urteile festgelegt habe – in einigen Fällen sogar Todesurteile. Grasemann unterstrich die Wichtigkeit der Aufarbeitung: “Zeitgeschichte ist Geschichte die noch qualmt!”

Auch Arnold Vaatz konnte mit einem interessanten Vergleich aufwarten: “Ich hatte an einem Tag einen Mann vor mir stehen, der sagte mir: ‘Hier gibt es Arbeit für jeden, medizinische Versorgung für jeden, kulturelle Angebote für jeden und Wohnraum für alle.’ Der Mann trug Uniform, und ich war den ersten Tag in der Strafanstalt Unterwellenborn – wegen Wehrdienstverweigerung.” Da sei ihm nochmals klargeworden, dass die DDR Parallelen zu einem großen Gefängnis aufgewiesen habe. Der SED-Staat sei wie eine russische Matrjoschka: “Lauter verschachtelte Gefängnisse!” Man habe in der DDR das Recht auf Arbeit und einen für alles sorgenden Staat im Tausch gegen Freiheit und seine Bürrgerrechte erhalten. “Auch deshalb war die Geschichte der DDR eine Geschichte des wirtschaftlichen Scheiterns.”, so Vaatz.

Stipendiatin fragt, Politiker antwortet: Lucia Szymanowksi und Arnold Vaatz (Foto: Armin Peter).

Stipendiatin fragt, Politiker antwortet: Lucia Szymanowksi und Arnold Vaatz (Foto: Armin Peter).

Alle drei Referenten waren sich einig, dass eine Relativierung und Verharmlosung der SED-Diktatur unbedingt zu vermeiden seien. Auerbach zog eine bittere Bilanz: “Nach der friedlichen Revolution dachten wir, wir hätten gewonnen – und am vergangenen Sonntag musste ich wieder sehen, wie die beiden Stasi-Spitzel Gysi und Bisky neben demokratischen Parteivorsitzenden im Fernsehstudio standen. Dreist und ungeniert sitzen heute die alten Kader immer noch in hohen Positionen, es ist, als hätten die Nazis damals nahtlos weitergemacht.”

Grasemann erklärte, warum eine permanente Pravention wichtiger denn je sei: “Ist die Diktatur erst einmal da, so kann man sie nur schwer beseitigen. Daher muss man den Leuten konsequent die bittere Realität in der DDR vor Augen führen – nur so kann eine Wiederholung vermieden werden.”

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU Fraktion beklagte die Lebenslüge der 68er-Generation: “Verherrlichung der DDR ohne jemals dort leben zu wollen – das ist doch verlogen!” Die Wiedervereinigung sei die größte politische Niederlage der 68er gewesen. “Das heißt aber auch, dass viele von ihnen heute noch versuchen, die Geschichte nach ihren Maßstäben umzuschreiben, um in Bezug auf die DDR doch noch das letzte Wort haben zu können.” Die Sieger der Revolution,  so befanden Auerbacher und Vaatz, seien vielfach nicht die mutigen Bürgerinnen und Bürger gewesen, sondern die alten Eliten. “Sie hatten die nötige Führungserfahrung, und Vernetzung und konnten schnell Kontakte knüpfen.”

Dem stimmte auch Geschichtslehrer Manfred Weiß aus dem Wartburgkreis zu: Der Mittfünfziger beklagte die Tatsache, dass er nach der Wende nie die Geschichte der DDR habe unterrichten dürfen – auf Weisung seines Schulleiters. “Ich hatte zudem in der Gauck-Behörde über Stasi und IMs vor Ort nachgeforscht – daraufhin wurde ich massiv gemobbt und unter Druck gesetzt, es hagelte Disziplinarstrafen und man versuchte, mich zu versetzten, wogegen ich mich aber erfolgreich wehren konnte.” Der Schuldirektor sei inzwischen außer Dienst gestellt worden, dennoch, so Weiß, gehe das Mobbing weiter. “Ich habe herausgefunden, dass die Hälfte der Stasilehrer nie entlassen worden sind!”

“Intellektuelles Versagen” des Staates

Auf diese emotionale Rede hin entbrannte eine lebhafte Diskussion. Viele Schülerinnnen und Schüler meldeten sich nun ebenfalls zu Wort: Die Geschichte der sozialistischen Diktatur sei nur wenig bis gar nicht im Unterrichtbehandelt worden, so das erste Hauptanliegen. Arnold Vaatz bedauerte das “intellektuelle Versagen” des Staates in diesem Punkt.

Dies bestätigte auch Thomas Auerbach: “Leider haben die Kräfte von links es geschafft, in unserer Gesellschaft hohes Ansehen zu erringen. Das zeigt, das man auch heute um Demokratie jeden Tag kämpfen muss!” Dr. Grasemann warnte an diesem Punkt davor, die “Linkspartei” als verfassungsfeindlich zu bezeichnen: “Denn dann wäre die Grundlage für ein Verbotsverfahren gegeben, und das ist im Moment nicht der Fall.” Diese Aussage wurde von Vaatz und Auerbach heftig kritisiert. Beide waren sich einig, dass die umbenannte SED nicht demokratisch sei.

Das Publikum war nun voll in die Debatte eingestiegen. Viele Jugendliche zeigten sich frustriert angesichts der Konturlosigkeit der demokratischen Parteien. ”Was soll ich wählen, wenn alle fast das Gleiche sagen?” so lautete die Frage vieler Schülerinnen und Schüler. Auerbach ermutigte die jungen Leute, sich einzubringen: “In irgendeiner Partei findet ihr sicher Positionen, die ihr vertreten könnt. Nehmt eure Rechte wahr!” Er betonte auch, dass die Demokratie Schwächen habe. Dennoch brauche diese Staatsform Menschen, die sich einbringen, denn die Parteien, so Auerbach, könnten nur mitwirken. Arnold Vaatz äußerte zur Überraschung vieler Anwesender Verständnis für Nichtwähler. Gleichzeitig plädierte er für ein Mehrheitswahlrecht, “damit die Parteien wieder schärfere Konturen zeigen können.” Grasemann merkte an, dass der DDR-Bürger sich erst noch daran gewöhnen müsse, staatsbürgerliche Verantwortung zu übernehmen.

Die lebhafte Diskussion wurde erst unterbrochen, als Moderatorin Lucia Szymanowsky das Ende der Veranstaltung ankündigte und die Referenten um ein kurzes Schlußwort bat. Einig waren sich die drei darin, dass die Jugendlichen nun gefragt seien: “Eure Generation muss es raffen, die Demokratie braucht Demokraten!”


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