Die Bewertung der Vergangenheit hängt immer vom persönlichen Erleben der Betroffenen ab. So ist das auch im Umgang mit der DDR. „In der DDR war nicht alles schlecht“, sagen viele. Wird die sozialistische Diktatur heute beschönigt? Wir die Leistung der friedlichen Revolutionäre nicht genug gewürdigt? Um diese Frage drehte sich die Podiumsdiskussion zur Eröffnung des Jugendkongress 2009 in Erfurt.
Von Elisa Stein und Marcus Pfeiffer
„Es gibt sehr viel Verklärung im Bezug auf die DDR“, sagt Joachim Gauck, Vorsitzender des Vereins „Demokratie Jetzt e.V“ und ehemaliger Leiter der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen. In diesem Punkt herrscht weitgehender Konsens mit den übrigen Teilnehmern Kathrin Göring-Eckardt, Vize-Bundestagspräsidentin und Vorsitzende der EKD-Synode, Dieter Althaus, thüringischer Ministerpräsident, und Skisprung-Legende Jens Weißflog. Letzterer betont aber auch, dass „es auch einen Alltag in der DDR“ gegeben habe, den man nicht vergessen dürfe.
„Sicherlich gab es in der DDR ein gutes Leben, aber nicht für alle“, meint Göring-Eckardt. Den angepassten Bürgern, deren Leben vom SED-Regime weitgehend unbehelligt blieb, stehen die Schikanen gegenüber polischen Aktivisten entgegen. „Wer nicht in der Partei war, durfte auch nicht studieren, was ihm gefällt“, fügt Joachim Gauck aus eigener Erfahrung hinzu. „Ich selbst wäre wahrscheinlich Journalist geworden. Aber nicht in diesem Staat. Also bin ich in die Kirche gegangen.“

Die Podiumsdiskussion mit Ministerpräsident Althaus (2. v.l.) eröffnet den Jugendkongress (Foto: KAS).
Die DDR war ein Unrechtsstaat, wie Ministerpräsident Althaus betont. „Jedes Gesetz konnte außer Kraft gesetzt werden“. Hinzu kommen die Überwachung durch die Staatssicherheit und gegenseitige Denunziationen unter den Bürgern. Auch die fehlende Reisefreiheit und die alltägliche Mangelgesellschaft erregten die Bevölkerung.
„Die Kirchen waren ein Ventil“, sagt Göring-Eckert. „Hier konnte man sich selbst einbringen und frei sprechen. In Diskussionen konnten wir über Verbesserungen in unserem Staat nachdenken: Wir wollten einen gerechten Staat mit Frieden und Freiheit.“ Den Bürgerbewegungen ging es dabei zunächst nicht um eine Wiedervereinigung, sondern um eine demokratischere DDR.
Die Überwindung der Angst
Die Menschen entwickelten den Wunsch, aus dem Leben in der Ohnmacht auszubrechen. „Plötzlich überwanden die Menschen die Angst und die Entwicklung zum Ich beginnt“, wirft Joachim Gauck ein. „Vor der Einheit kam die Freiheit und vor der Freiheit kam die Verabschiedung von der Angst. Wir sind das Volk heißt in diesem Fall: Ich bin ich und ich bin unverwechselbar.“
Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist das DDR-Wissen vieler Schülerinnen und Schüler dünn gesät. Vier von fünf Schülerinnen und Schülern kennen sich nach einer Studie der Freien Universität Berlin sich mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte aus. „Nicht jeder will schlau werden, mancher will bekloppt bleiben“, meint Joachim Gauck. „Es darf nie ein Schlussstrich gezogen werden. Alle müssen das wissen.“ Dem stimmt auch Katrin Göring-Eckardt zu: „Ihr müsst nachfragen. Fragt eure Eltern, Großeltern, die Freunde der Eltern. Guckt euch an, wo passt etwas zusammen und wo nicht.“ Ministerpräsident Althaus bringt es auf den Punkt: „Die Demokratie braucht Menschen die nachfragen. Deswegen sind wir hier.“