Verfasst von: Redaktion | 20. Juli 2009

Panzer vorm Plattenbau

Deutschland, einig Vaterland? Redakteurin Elisa aus Dresden hat Erfahrungen gemacht, die das Gegenteil vermuten lassen. Und auch die Statistiken sprechen dagegen. Dabei bedarf es nur mehr Verständnis und Interesse füreinander, dann kann es noch etwas werden mit der „gefühlten Einheit“.

Ein Kommentar von Elisa Stein

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall klopfen wir uns gerne auf die Schulter und sagen: „Super, Ost und West ergänzen sich ganz hervorragend.“ Das mag sich vielleicht auf höherer politischer Ebene in allgemeinem Konsens und einem ganz wunderbaren Miteinander äußern, selbst bei der Wahl der Bundeskanzlerin beweist man Einigkeit. Im Alltag jedoch gibt es immer wieder Momente, in denen Zweifel angebracht sind, ob diese Einigkeit auch im Volk angekommen ist. 

Mir als ostdeutschem Mauerkind werden in den alten Bundesländern immer wieder Fragen gestellt wie: „Habt ihr fließend Wasser?“ oder „Was, ihr empfangt auch RTL?“. Sogar auf die Panzer, die angeblich jeden Tag vor meinem Plattenbau vorbeifahren, wurde ich schon angesprochen. Müde Erklärungsversuche, dass „bei uns“ eigentlich alles so ist wie „drüben“, stoßen dann meist auf ungläubiges Staunen.

Besonders häufig sind es Menschen meines Alters, die ihr ganz eigenes Bild von der „Zone“ entwickelt haben. Sie selbst waren natürlich noch nie in den neuen Bundesländern, wissen aber, dass wir ausschließlich in grauen Blocks wohnen, einen seltsamen Dialekt sprechen und verdammt perspektivlos sind.

Die ostdeutschen Universitäten werben seit Jahren mit guter Ausstattung und geringen Lebenshaltungskosten um westdeutsche Studenten. Die aber bleiben skeptisch, kein Wunder, vermitteln doch manche Medien Horrorgeschichten von aussterbenden Städten wie Hoyerswerda, rechten Hochburgen irgendwo im Erzgebirge oder dem Stereotyp des irgendwie bekloppten Sachsen.

Aber auch die Ostdeutschen tragen keine weiße Weste. „Typisch Wessi“ – das sind für die „Ossis“ vor allem Attribute wie Arroganz, Verwöhntheit und Ignoranz. Historisches Urteilsvermögen weist man ihnen gleich gar nicht zu, wer nicht dabei war, in der DDR, der soll bitte schön auch keine Grundsatzfragen klären, nicht hinterfragen, ob die schöne Republik ein Unrechtsstaat gewesen ist.

Man hat den Eindruck, dass, je weiter die ehemalige Grenze entfernt ist, die Sympathie für den jeweils Anderen immer mehr abnimmt. Je weniger das eigene Schicksal von der Mauer berührt wurde, desto weniger berühren einen die Menschen auf der anderen Seite. Dies beweist auch eine Umfrage aus dem Jahr 2007: So sehen sich vierundsiebzig Prozent der Ostdeutschen den Westdeutschen gegenüber benachteiligt, dreiundsiebzig Prozent der Westdeutschen empfinden das aber genau umgekehrt. Bis zum „einig Vaterland“ scheint es noch ein langer Weg.

Verfasst von: Redaktion | 17. Juni 2009

Fazit einer Diktatur

Nach einem Nachmittag voll angeregter Diskussionen mit Zeitzeugen und Politikern sind die Teilnehmer der sechs Workshops noch einmal zusammengekommen, um die zusammengefassten Ergebnisse aller Gruppen zu besprechen.

Von Armin Peter

Nach einer kurzen Gesangseinlage des Liedermachers Stefan Krawczyk begann Annekathrin Ruhose mit der Vorstellung von Workshop I: „Die DDR – Mythos und Wirklichkeit.“  Die Menschen in der DDR, sagte sie, hätten ein starkes Gefühl des Eingesperrtseins verspürt. Dies und das durch das Westfernsehen vermittelte Bild einer bundesrepublikanischen Wohlstandsgesellschaft weckten den Wunsch, auch so leben zu können wie die Menschen jenseits der Mauer. Ruhose: „Die DDR war westgeförderter Luxussozialismus. Den sogenannten Dritten Weg, den viele sich nach der Wende gewünscht hätten, gab es bereits – in Form der Bundesrepublik.“ Um der Verklärung der DDR entgegenzuwirken sei es wünschenswert, dass der Geschichtsunterricht künftig auch über den achten Mai 1945 hinaus gehalten werde.

Auch Mario Voigt, Landesvorsitzender der Jungen Union Thüringen und Moderator des Workshops II „Wir sind das Volk! – Ruf nach Freiheit oder Freizügigkeit?“, bemerkte, dass die Menschen spätestens 1989 genug vom Sozialismus gehabt hätten. „Es war kein Materialismus, der die Leute auf die Straße getrieben hat, sondern der Wunsch nach Freiheit und Freizügigkeit, der Wille zur Wiedervereinigung und der Wunsch nach Veränderungen im Land.“ Die Menschen hätten gespürt, dass sie doch eine gewisse Macht gegenüber dem so allmächtig wirkenden Regime besaßen. Zudem, so Voigt, sei man damals einer „Ethik der kleinen Schritte“ gefolgt: „Das eigentliche Ziel war nicht der Umsturz, sondern eine schrittweise Öffnung des Staates hin zu mehr Bürgerrechten.“

Lucia Szymanowski stellt die Ergebnisse ihres Workshops vor (Foto: Armin

Lucia Szymanowski stellt die Ergebnisse vor (Fotos: Armin Peter).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der dritte Workshop hatte sich mit dem Umgang mit Diktaturen befasst. Moderatorin Lucia Szymanowski zog eine kämpferische Bilanz der vorangegangenen Diskussion: Auch heute noch sei es wichtig, sich einzubringen, da Extremismus jederzeit wieder aufkommen könne. Daher sei es auch von besonderer Bedeutung, ein gewisses Grundinteresse für die politischen Vorgänge im Lande zu entwickeln. „Die Demokratie braucht Demokraten“, zitierte Szymanowski. In Diktaturen seien intelligente Menschen am Werk gewesen, daher sei auch jetzt Wachsamkeit geboten, um die Freiheit erhalten zu können.

Mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede

„Diktaturen haben Angst vor Religionen!“ Mit diesem zugespitzten Fazit eröffnete der stellvertretende Bundesvorsitzende des Rings Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS), Steffen Liebendörfer, die Ergebnisse des vierten Workshops „Deutschland einig Vaterland?“. Deshalb seien Religionen in der DDR unterdrückt worden, was dazu geführt habe, dass heute im Osten drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger ohne Konfession seien – im Westen sei das Verhältnis umgekehrt. „Das führt natürlich zur unterschiedlichen Wahrnehmung verschiedener Dinge“, sagte Liebendörfer. Ingesamt aber sei die Freude über die Einheit sehr groß, im Osten noch etwas mehr als im Westen. „Trotz unterschiedlichen Generationenwahrnehmungen gibt es in Bezug auf Ost und West doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.“

„Zu wenig Zeit? Wie findet die DDR im Schulunterricht statt“, so lautete die Fragestellung von Workshop V. Moderatorin Beate Meißner stellte fest, dass in Bezug auf die DDR im Westen oftmals Desinteresse herrsche, während im Osten zunehmend Nostalgie die Oberhand gewinne. Dies führe oftmals zu einem verzerrten Geschichtsbild, zumal andere Informationsmöglichkeiten insbesondere von Jugendlichen kaum genutzt würden. „Die sehr dichten Lehrpläne tun dann ein Übriges – oft bleibt gerade Zeit für Daten und Fakten, der Rest bleibt auf der Strecke.“ Die jugendpolitische Sprecherin der Thüringer CDU-Fraktion wünschte sich mehr Eigeninitiative von Lehrkräften und Schülern.

Moderator Marc Etzold, Stipendiat der Journalistischen Nachwuchsförderung (JONA), machte schließlich den Abschluss mit der Präsentation der Ergebnisse des sechsten Workshops mit dem Titel „Die Revolution bei den Nachbarn – wie hat der Epochenwechsel Europa geprägt?“ Er unterstrich zunächst die Bedeutung Ungarns für die Wende: „Die Öffnung der Grenzen in einem sozialistischen Bruderland war das Ventil für die Ausreisewilligen, zudem wuchs dadurch der Druck auf das SED-Regime, den eigenen Bürgern auch endlich mehr Freiheiten zu gewähren.“

Doch es seien bereits vorher wichtige Impulsgeber zu beobachten gewesen, so Etzold: „Allein die Politik von Michail Gorbatschow in der Sowjetunion, Stichwort Perestroika und Glasnost, war ein wichtiges Signal an die Bürgerrechtsgruppen in der DDR.“ Aber auch Gruppen in anderen Ländern, wie die Solidarnosc in Polen, seien wichtige Wegbereiter für die Friedliche Revolution gewesen. Ohne sie sei ein völliger Sturz der SED kaum denkbar gewesen.

Im Anschluss an die Präsentation diskutierten die jungen Gäste Ergebnisse, persönliche Fragen und Erfahrungen innerhalb der eigenen Familien mit den Moderatoren und dem Liedermacher Stefan Krawczyk.

Liedermacher Stephan Krawzcyk singt, Moderator Marc Etzold lauscht (Foto: Armin Peter)

Verfasst von: Redaktion | 15. Juni 2009

„Mehr Einheit, als wir denken!“

Zwei getrennte deutsche Staaten in Ost und West gibt heute nicht mehr. Doch kann man im Jahr 2009 von „Deutschland – einig Vaterland“ sprechen? Jugendliche und Experten bemühen sich im gleichnamigen Workshop um eine Bilanz, 20 Jahre nach dem Mauerfall.

Von Marcus Pfeiffer

Ein Pfarrer, eine Gedenkstellendirektorin und ein Meinungsforscher – die Blickwinkel auf das Thema sind vielfältig. Ein Vorurteil können die drei schon zu Beginn entkräften. Die vielbeschworene „Mauer in den Köpfen“ scheint es nicht mehr zu geben. „In den Köpfen haben wir viel mehr Einheit, als wir eigentlich denken“, sagt Uta Thofern. Als Direktorin der Stiftung, die sich um die Gedenkstätte Point Alpha kümmert, trifft sie die Menschen aus Ost und West dort, wo früher die Grenze verlief.

Diskussion im Workshop IV: Teilnehmer v. l. n. r. Probst Heinz-Josef Durstewitz, Uta Thofern, der Moderator und Dr. Thomas Petersen.

Keine Mauer in den Köpfen: Die Experten diskutieren (Foto: Marcus Pfeiffer).

Diese Einschätzung untermauert Dr. Thomas Petersen vom Institut für Demoskopie Allensbach: „Bei allen Konflikten war es für die Mehrheit der Menschen wichtig, eine Einheit herzustellen.“ Und nicht nur in dieser Frage waren sich die Deutschen schon vor der Wiedervereinigung einig. Als das Demoskopie-Institut im Frühjahr 1990 erste Umfragen auf DDR-Gebiet beginnt, zeigen sich weitere Gemeinsamkeiten. Besonders bemerkenswert sei dabei eine besondere deutsche Gefühlswelt: „Die Deutschen sind glücklicher und unglücklicher als alle anderen Menschen der Welt.“

Dennoch hat die vierzigjährige Teilung auch gewisse Spuren hinterlassen. Es gab Menschen in der DDR, die sich nicht nur mit dem System arrangierten, sondern sogar dafür arbeiteten. Vor allem diese Menschen hätten heute ein schlechtes Ansehen, sagt Probst Heinz-Josef Durstewitz. Er selbst hatte sich ab den 1970er Jahren für Bürgerrechte und eine neu geordnete Gesellschaft eingesetzt. Dieses Ziel prägt ihn noch heute in seiner Arbeit, mit der er den Menschen bei der Verarbeitung der deutschen Teilung helfen möchte.

„Es gibt immer noch Spannungen“, sagt Durstewitz. „Viele Leidende von Damals leiden auch noch heute.“ Für ihn steht fest, dass man trotz allem nicht aneinander vorbei leben könne. Jeder habe eine wichtige Aufgabe gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen: „Jeder muss mit seiner Vergangenheit auskommen.“

Ein Problem im vereinigten Deutschland ist nach Ansicht der Diskutanten das Ost-West-Gefälle bei Lebenshaltungskosten, Renten und Gehältern. Auch die Fremdenfeindlichkeit sei gefährlich, die in den neuen Bundesländern verstärkt auftrete, aber nicht auf sie beschärnkt sei. Es handele sich um ein gesamtdeutsches Problem. Im Großen und Ganzen habe die Friedliche Revolution im Jahr 1989 jedoch deutliche Vorteile gebracht. Das falle aber nicht allen auf. „Viele haben das Gefühl, dass es ihnen schlecht geht, obwohl es ihnen eigentlich besser geht“, merkt Meinungsforscher Peters an.

In diesem Punkt stimmt auch Uta Thofern zu. Sie lobt vor allem, dass sich Ost und West gegenseitig hervorragend ergänzten. „Die Bundesrepublik ist viel schöner geworden.“

Verfasst von: Redaktion | 15. Juni 2009

Sehnsucht nach Freiheit

Der ehemalige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Dr. Joachim Gauck, ist heute Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen – Für Demokratie“. Nach der Podiumsdiskussion fand er Zeit, einige Fragen zu beantworten - über den Mauerfall, den Prozess der Wiedervereinigung und den Stand der Aufarbeitung der DDR-Geschichte.

Herr Dr. Gauck, wie haben Sie den Mauerfall am 09. November 1989 erlebt?

Das weiß ich noch genau. Der 09. November war ein Donnerstag, an dem wir wie immer friedlich in Rostock demonstrierten. Ich war auf der Straße und auf einmal kamen die Volkspolizisten auf uns zu. Sie sagten uns, dass die Grenze offen sei. Ich wollte es zunächst kaum glauben.

War die Grenzöffnung für Sie ein Schock?

Nein, ich war eher überrascht darüber und habe mich bodenlos gefreut. Im ersten Moment war es für mich unbegreiflich, weil es so schnell ging.

Joachim Gauck im Gespräch

Joachim Gauck im Gespräch (Fotos: Marcus Pfeiffer)

War der Prozess der Grenzöffnung viel zu übereilt?

Für die Psyche der Menschen ging das alles viel zu schnell. Schließlich muss sich erst ein Bewusstsein für die neue Situation entwickeln. Zunächst war die Angst im Volk weg. Dann kam Bewegung in die Politik. Kohl entwickelte sein „10-Punkte-Programm“ für die Wiedervereinigung. Die Sachsen und die Thüringer wollten mit ihren Konzepten dabei sogar schneller sein.

Es gab auch Pläne für eine Demokratisierung in der DDR. Wieso kam es gleich zur Wiedervereinigung?

Die Ursache für die Wiedervereinigung ist im ostdeutschen Volk zu sehen. Eine Minderheit der ostdeutschen Reaktionäre wollte zwar eine demokratische DDR erreichen. Aber bei der Diskussion dieses so genannten „dritten Weges“ darf man den Faktor der wirtschaftlichen Durchführbarkeit nicht vergessen. Wenn jemand danach fragte, fehlten plausible Antworten. In der Politik muss man aber wissen, was man machen will. Daher war der Ruf „Wir sind ein Volk!“ hochrational.

Woher kommt die Diskrepanz zwischen Ost und West?

Es handelt sich hauptsächlich um ein ostdeutsches Problem mit einem Konflikt zwischen den Ostdeutschen. Wir befinden uns nach 1989 in einem Prozess des Ordnens. Jeder Mensch hat eine Sehnsucht nach Freiheit. Aber manche trauen es sich nicht zu, diesen Wunsch offen zu äußern und zu verfolgen. Die Bürgerbewegung spaltete sich daher Ende 1989 in selbstständige Menschen mit Verantwortungsgefühl und in Menschen, die der Verantwortung misstrauen und sich auf Instanzen stützen. In einer Gesellschaft muss jeder seine eigene Rolle finden. Wir befinden uns in einer Transformationsgesellschaft, die sich an die erfahrene Zivilgesellschaft des Westens anpasst.

_UB06514Resultiert aus diesem Prozess die Politikverdrossenheit, wie wir sie vor kurzem bei den Kommunalwahlen in Mecklenburg-Vorpommern erleben mussten?

Die Strukturen auf den Dörfern haben sich verändert. Früher gab es eine größere Eigenständigkeit. Auf dem Dorf gab es den selbstständigen Bauern. Für die Arbeiter gab es mit den Gewerkschaften starke Arbeitnehmervertreter. Diese Eigenständigkeit fehlt in einer Diktatur. Es mangelt im Osten an Verantwortungsbewusstsein, weil die aktiven Menschen abwandern. Nun ist es an der Zeit für die Bürgerinnen und Bürger, aufzuwachen. Sie müssen das Bürgertum erlernen.

Wo sehen Sie die Aufarbeitung der DDR heute?

Bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist die Vermittlung des Wissens das größte Problem. Hier gibt es sehr starke Defizite. Bis zur vollständigen Aufarbeitung eines historischen Abschnittes müssen drei Stadien durchlaufen werden. Diese sind erstens die Leugnung, zweitens die Akzeptanz des Geschehenen und letztlich die Selbstreflexion mit der Frage „Und welche Schuld habe ich?“. Das letzte Stadium fehlt bei der Aufarbeitung, weil wir die Nostalgie lieben.

Ist dies ein speziell ostdeutscher Fall?

Nein, die Verklärung der Geschichte ist ein Kennzeichen von  Übergangsgesellschaften wie nach dem 2. Weltkrieg in Westdeuschland, heute in den neuen Bundesländern oder auch in Chile. Es gibt kein Land, wo es das nicht gibt. Man muss aber etwas dagegen tun.

Die Fragen stellte Marcus Pfeiffer.

Verfasst von: Redaktion | 15. Juni 2009

Zu wenig DDR im Unterricht?

„Zu wenig Zeit? Wie findet die DDR im Schulunterricht statt?“ So lautete das Thema, über das Schüler, Studenten, Lehrer und Schulpolitiker verschiedener Länder engagiert und manchmal durchaus kontrovers diskutierten.

Von Lea Hartwich

Die Zeit war bei weitem nicht das einzige Problem bei der Vermittlung der DDR-Vergangenheit in den Schulen, das die Teilnehmer zur Sprache brachten. „Wie soll ich ohne finanzielle Unterstützung Projekte und Exkursionen mit Schülern machen, wenn die Eltern Hartz IV kriegen?“, wollte eine Lehrerin aus dem Publikum wissen und auch eine Schülerin der 11. Klasse hat ähnliche Erfahrungen gemacht: „Wir haben einen Schulausflug nach Buchenwald gemacht, da konnte ungefähr ein Viertel der Klasse nicht mitkommen – das kann es doch nicht sein!“

Die Lehrer kritisierten auch die Lehrpläne. Sie ließen zu wenig Freiheit und würden oftmals das Thema DDR nicht enthalten. Einer der Experten, der Geschichtslehrer und pädagogische Leiter des Grenzlandmuseums Eichsfeld, Ben Thustek, wünschte sich außerdem mehr fächerübergreifenden Unterricht: „DDR-Geschichte muss nicht ausschließlich im Geschichtsunterricht stattfinden, man kann das Thema mit Fächern wie Deutsch, Politik oder sogar Musik verbinden.“

Professor Dr. Klaus Schröder von der Freien Universität Berlin kritisierte die aktuelle Bildungspolitik und machte vor allem Maßnahmen wie das Abitur nach zwölf Jahren und die Verkürzung der Studienzeit dafür verantwortlich, dass wichtige Themen im Unterricht zu kurz kommen. Diese Maßnahmen seien jedoch unvermeidbar, erklärte Winfried Willems, Staatssekretär für Bildung im Kultusministerium Sachsen-Anhalt, denn man dürfe sich in Deutschland nicht von den europäischen Angleichungsprozessen wie den Bachelor- und Masterstudiengängen ausschließen.

Zudem wurde bemängelt, das Interesse an DDR-Geschichte sei vor allem im Westen sehr gering. Eine Lehramtsstudentin aus Nordrhein-Westfalen bemängelte, weder in der Schule, noch während des Geschichtsstudiums an der Universität sei ihr etwas über die DDR vermittelt worden. Sie findet das „sehr, sehr schade.“ Geschichtslehrer Thustek bestätigte, dass auf das Thema in der Lehrerausbildung nicht genügend Wert gelegt werde. „Es gibt fast keine westdeutschen Lehrstühle für DDR-Geschichte.“ Das sei ein großes Manko, da das durch Lehrer vermittelte Wissen nachweislich das politische Engagement der Schüler beeinflusse.

„Wir haben in einer Studie ermittelt, dass bei Schülern, die ihren Unterricht in Fächern wie Gemeinschaftskunde als langweilig emfinden, das Interesse an Politik sinkt“, unterstrich Angelika Barbe von der Landeszentrale für Politische Bildung in Sachsen. Darum müsse man dringend neue Weiterbildungsmöglichkeiten für Pädagogen schaffen.

Dass das dringend notwendig ist, zeigen zahlreiche Umfragen zum Thema DDR-Vergangenheit. So wussten beispielsweise nur 40 Prozent der ostdeutschen und 51 Prozent der westdeutschen Befragten, dass die Regierung der DDR nicht demokratisch gewählt wurde. Und auch die Entscheidung, ob die SED eine demokratische Partei war, fiel erschreckend vielen Jugendlichen schwer.

In ihren Forderungen waren sich die Experten auf dem Podium und die Teilnehmer des Workshops größtenteils einig. Lehrerfortbildungen zum Thema DDR sollen geschaffen werden, genau wie außerschulische Lernorte und Projekttage. Außerdem wünschte man sich eine Öffnung der Schule nach außen und mehr fächerübergreifenden Unterricht. Den Schülern sollen Fakten und Zusammenhänge vermittelt werden, damit sie ein eigenes Geschichtsbild entwickeln können und weniger anfällig sind für Vorurteile. Der DDR-Geschichte soll an Schulen und Universitäten größere Bedeutung zukommen.

Die Defizite haben alle erkannt, doch Lösungen zu finden stellte sich als weit komplizierter heraus. Die Politik, die Universitäten, die Schulen, keiner wollte letztendlich die Verantwortung übernehmen. „Was hat die Politik vor, zu unternehmen?“, fragte ein Schüler ganz direkt. Eine Antwort hat er an diesem Tag nicht mehr bekommen. Dennoch hat die Diskussion viele Augen geöffnet und Denkanstöße gegeben. Und das ist auch schon viel wert.

Verfasst von: Redaktion | 10. Juni 2009

Irrsinn kann nicht ewig regieren

Nicht nur in der DDR, auch in anderen europäischen Ländern hat sich 1989 eine Revolution abgespielt und Europa nachhaltig verändert. Gemeinsam mit Schülern, Studenten, Auszubildenden und anderen Interessierten diskutieren Experten aus Thema „Die Revolution bei den Nachbarn: Wie hat der Epochenwechsel Europa geprägt?“ Rede und Antwort stehen Prof. Dr. Hans-Joachim Veen, Bundesverdienstkreuzträger und Vorsitzender der Stiftung Ettersberg, Dr. Robert Zurek, gebürtiger Pole und Experte für deutsch-polnische Beziehungen, und der ungarische Botschafter und Publizist Gergely Pröhle. 

Von Elisa Stein

Die Revolution habe drei Gesichter gehabt, erklärt Professor Veen den Zuhörern: Das einer Revolution von oben, wie sie in Ungarn praktiziert wurde, das eines Kompromisses zwischen den Herrschenden und der Opposition am Beispiel Polens und den letztlich erzwungenen Systemumbruch in der DDR.

Besonders die Vorreiterrolle Ungarns im Öffnungsprozess der sozialistischen Länder wird dabei deutlich. „Wir hatten in Ungarn einen Gulasch-Kommunismus“, frotzelt Pröhle. Von Ungarn habe man einen kritischen Blick auf die politische Realität der DDR geworfen, da den Menschen dort einige Rechte wie Reisefreiheit und offene Grenzen nicht verwehrt wurden.

„Die Zustände in Berlin waren für uns Ungarn wie aus einem anderen Jahrhundert. Der vierzigste Jahrestag der DDR war eine Witzveranstaltung“, so Pröhle und: „Irrsinn kann nicht ewig regieren.“ Auch in Polen betrachtete man den Nachbarn mit Erstaunen. „Wir dachten uns: Na endlich. Endlich rehabilitieren sich auch die preußischen Musterkommunisten“, meint Zurek. Besonders das deutsch-polnische Verhältnis sei stark von der Friedlichen Revolution in Deutschland beeinflusst worden, stellte die deutsche Teilung doch einerseits eine Sicherheit für das noch unter dem Eindruck des zweiten Weltkriegs stehende Polen dar, andererseits aber auch eine Belastung, da immer wieder Truppen der Sowjetunion durch Polen in die DDR gelangten. „Wie kann man da frei sein?“ fragt Zurek.

Aber auch noch zwanzig Jahre nach dem Mauerfall sind dessen Auswirkungen auf Europa umfassend. Besonders die EU ist davon betroffen. Hier zeigen sich während des Workshops zwei gegensätzliche Positionen: Pröhle betrachtet die EU pragmatisch, er hält eine „zunehmende Ideologisierung“ für problematisch. „Identifikation entsteht durch Kultur und Geschichte“, und die sei in Europa zu unterschiedlich und zu krisengebeutelt. Die Menschen könnten sich zu wenig mit Europa identifizieren, meint Pröhle. Von Europa werde „einfach zu viel erwartet“. Vor allem Deutschland trage daran die Hauptschuld, da sie durch den zweiten Weltkrieg ein Problem mit der Nationalität hätten und eine „europäische Einheit erzwingen“ wollten, so Pröhle.

Insgesamt habe das Ende der Teilung Deutschlands letztlich zu einem Ende der gesamteuropäischen Teilung geführt und die EU für einen bisher „einmaligen Friedenszustand“ gesorgt, meint Professor Veen. Dennoch müsse noch viel getan werden, so etwa ein einheitlichen Steuersystem eingeführt und der EU mehr Sanktionsmöglichkeiten eingeräumt werden.
Insgesamt sei das Europa der letzten zwanzig Jahre „komplizierter, reichhaltiger und schwieriger“ geworden. Dennoch ist der Grundkonsens dieses Workshops: Die Revolution war gut. Für Deutschland und seine Nachbarn. Denn, wie Robert Zurek sagt: „Wir sitzen hier heute zusammen und reden miteinander wie ganz normale Menschen- vor sechzig Jahren hätten wir auf einander geschossen.“

Verfasst von: Redaktion | 10. Juni 2009

Vergessen, dankbar zu sein

Welche Ziele und Ideale hatten die Menschen im Jahr 1989 in der DDR  – und was wurde nach der Friedlichen Revolution daraus? Diese Frage diskutierten Zeitzeugen im Workshop „Wir sind das Volk – Ruf nach Freiheit oder Ruf nach Freizügigkeit?“ Das Fazit: Trotz kleiner Abstriche ist die Friedliche Revolution ein historischer Augenblick, über den wir uns glücklich schätzen können.

Von Lea Hartwich

„Wir sind das Volk! – Das ist doch die Aussage überhaupt!“, so begründet Stefanie Kremtz ihr Interesse an dem Workshop. Freiheit sei für uns heute so normal,  dass man sich die Situation der Menschen in der DDR gar nicht mehr vorstellen könne. Über die Experten sagt die Studentin: „Das sind drei interessante Männer, die sehr viel erlebt und geleistet haben.“

Auf dem Podium sitzen Männer, die den jungen Leuten im Publikum Erfahrungen aus erster Hand vermitteln.  Der Theologe und Bürgerechtler Dr. Erhardt Neubert war seit 1979 in oppositionellen Freidenskreisen der evangelischen Studentengemeinde aktiv und gehörte im Juni 1989 zu den Gründungsmitgliedern des „Demokratischen Aufbruchs“. Heute ist er Mitglied der Grundwertekommission der CDU und engagiert sich für die Aufarbeitung von Stasi-Unterlagen und der SED-Diktatur. Dr. Aribert Rothe ist Hochschulparrer und Erziehungswissenschaftler engagierte sich in der evangelischen Kirche in der DDR und ist Verfasser mehrerer Bücher über protestantische Bildungsgeschichte und politische Bildung in der DDR. Matthias Büchner war 1989 Bezirkssprecher des „Neuen Forums“ in Erfurt und Mitinitiator einer der ersten Besetzungen einer Stasi-Zentrale. Später gehörte er der oppositionellen Übergangsregierung und dem Thüringer Landesparlament an. Seit 1995 ist er Bundessprecher des „Neuen Forums“.

Sie alle sprechen vor den Jugendlichen offen über ihre damaligen Visionen und Hoffnungen, aber auch über die Angst. Ob sie an Demonstrationen und anderen Protestaktionen teilnahmen oder Mitglieder oppositioneller Organistionen waren, das Wissen, dass sie jederzeit im Gefängnis landen konnten, war immer da. Aber dieses Risiko wurde bereitwillig in Kauf genommen, denn „wir haben es als wahnsinniges Glück empfunden, plötzlich frei reden zu können“, sagt Neubert. „Wenn man sich heute Fotos von den Montagsdemonstrationen anguckt, sieht man nur lachende Gesichter.“

„Wir wollten das Land verbessern, in dem wir lebten, aber wir hatten Schiss, weil wir wussten, das kann nach hinten losgehen“, so fasst Büchner die Situation der Oppositionellen in der DDR zusammen. Alle drei erklären auf die Nachfragen der Jugendlichen, ihr Motto sei eher „Wir sind das Volk“ als „Wir sind ein Volk“ gewesen.  „Wiedervereinigung war zunächst gar nicht das Thema. Wir wollten die DDR in kleinen Schritten von innen heraus verbessern.“ Ihre Feinde habe sich die Regierung teilweise selbst geschaffen, indem sie zum Beispiel Umweltaktivisten, obwohl sie Anhänger des Sozialismus waren, zu Staatsfeinden erklärte und sie somit erst politisierte.

Auf die abschließende Frage, ob aus heutiger Sicht bei der Friedlichen Revolution 1989 etwas schiefgelaufen sei, fallen die Antworten differenziert aus. „Man kann nicht wirklich enttäuscht sein über die kleinen Fehler“, so Neubert, „angesichts der viel größeren Fehler, die hätten passieren können.“ Ähnlich sieht das Matthias Büchner: „Viele haben vergessen, wie dankbar wir alle 1989 waren, nachdem die Revolution friedlich und ohne Gewalt über die Bühne gegangen war.“ Dennoch hätte er sich gewünscht, dass etwas von der Aufbruchsstimmung und den Ideen der DDR in das neue Deutschland miteingegangen wären.

„Ich wünsche keinem von euch, diese Erfahrung eines Lebens in Unfreiheit zu machen“, gibt Aribert Rothe den jugen Teilnehmern abschließend mit auf den Weg. „Aber auch hier gibt es noch viel zu tun. Packen wir’s an!“

Verfasst von: Redaktion | 10. Juni 2009

Er singt von Freiheit

Die Klänge einer Konzertgitarre eröffnen den Jungendkongress 2009 in Erfurt. Ungewöhnlich für den ersten Moment, jedoch nicht, wenn man genauer hinhört – etwas, das man an diesem Tag noch öfter machen wird.

Von Katja Heidrich

Er singt von zwei Tieren, die sich nicht verstehen. Stephan Krawczyk, Liedermacher und Schriftsteller, verarbeitet in Texten und Songs seine Erfahrungen mit der DDR. 1985 wird daraufhin ein Berufsverbot über ihn verhängt, daraufhin wird er ausgewiesen.

In der DDR unerwünscht: Liedermacher Krawzyk (Foto: Katja Heidrich).

In der DDR unerwünscht: Liedermacher Krawzyk (Foto: Katja Heidrich).

Selbst heute, 20 Jahre nach dem Fall des „eisernen Vorhangs“, verstehen sich die ehemals zwei deutschen Staaten immer noch nicht recht. „Generationen reden nicht mehr miteinander. Wenn die Jugendkultur nur noch aus MTV besteht, hat man ja mit der Oma nicht mehr viel zu reden“, so der gebürtige Thüringer.

Für Ihn selbst war der Fall der Mauer die Möglichkeit, seine Familie wiederzusehen. Nach dem Abschub in den Westen war dies nur noch selten möglich. „Missstände darf man als Schriftsteller nicht ausblenden, wenn man sich ernst nimmt“, sagt Krawczyk. „Man muss die Balance zwischen ‚sich selbst ernst nehmen’ und ‚verkaufen’ finden. Manchmal dauert es etwas, den richtigen Ton dafür zu finden.“

An die DDR hat der Autor keine guten Erinnerungen. „Dass mir die Landschaft gefiel oder die Zeit, die ich mit meinen Freunden verbracht habe, hatte nichts mit der DDR zu tun. Sobald der Staat Einfluss hatte, wie in der Schule, finden sich keine schönen Erinnerungen.“

Auf die Frage, ob Deutschland „ein“ Volk ist, wie es revolutionär bei den Montagsdemos hieß, antwortet der Liedermacher: „Wir sind nicht ‚ein’ Volk. Es gibt auch nur noch wenige, die sich dafür interessieren. Aufgabe der Medien ist es, wie bei den Holocaust-Beiträgen, auf den Hauptprogrammen zur besten Sendezeit Beiträge über die DDR zu senden, die wieder zum Gespräch zwischen den Generationen anregen. Sie sollen Fragen stellen!“

Fragen stellten auch die Schüler, die zu den Diskussionen eingeladen wurden um zu lernen, wieder eine Sprache zu sprechen.

Verfasst von: Redaktion | 9. Juni 2009

„Demokratie braucht Demokraten!“

Wie gehen wir mit Unrechts- und Diktaturerfahrungen um? Diese Fragen stellten sich rund 40 Schülerinnen und Schüler bei einer Podiumsdiskussion mit drei Referenten, die die SED-Diktatur direkt oder indirekt am eigenen Leibe erfahren hatten.

Von Armin Peter

„Wir kommen uns auch doof vor, also traut euch und stellt eure Fragen!“ Thomas Auerbach, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Bildung und Forschung der Birthler-Behörde, ermutigte das anfangs noch zögerliche Publikum zur regen Beteiligung an der Diskussion. Dieser Forderung schlossen sich auch der Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz (CDU) und Dr. Hans-Jürgen Grasemann, vormals in der Zentralen Erfassungsstelle Salzgitter tätig, an. Doch was bedeutet es eigentlich, in einer Diktatur zu leben? Moderatorin Lucia Szymanowski bat die Referenten um ein kurzes Statement.

Auerbach betonte, das Leben unter der Fuchtel des DDR-Regimes sei von einem permanenten Ohnmachtsgefühl gegenüber dem übermächtigen Staat geprägt gewesen: „Überleben konnte nur, wer seine Seele verkauft hat und die einig gültige Weltanschauung anerkannte. Einen kleinen Freiraum bot lediglich die Kirche, hier war noch ein freies Einbringen möglich.“ Die schönste Nacht seines Lebens sei die der Maueröffnung gewesen, so Auerbach.

Grasemann outete sich zunächst als einziger „Wessi“ in der Referentenrunde. Sein beruflicher Werdegang habe ihn aber ständig mit der DDR in Kontakt gebracht. „Durch meine Arbeit in der Zentralen Erfassungsstelle in Salzgitter war auch ich ständig im Visier der Stasi-Spitzel. Das große Archiv bot nämlich einen umfassenden Einblick in die Willkür und Grausamkeit der DDR-Justiz, das hat dem SED-Regime natürlich nicht gepasst. Wäre ich in die DDR gereist, so hätte man auch mich eingesperrt. Es sei nachweisbar, dass beispielsweise Walter Ulbricht in den Fünfzigerjahren bereits im Vorfeld von Prozesen  gegen Dissidenten die Urteile festgelegt habe – in einigen Fällen sogar Todesurteile. Grasemann unterstrich die Wichtigkeit der Aufarbeitung: „Zeitgeschichte ist Geschichte die noch qualmt!“

Auch Arnold Vaatz konnte mit einem interessanten Vergleich aufwarten: „Ich hatte an einem Tag einen Mann vor mir stehen, der sagte mir: ‘Hier gibt es Arbeit für jeden, medizinische Versorgung für jeden, kulturelle Angebote für jeden und Wohnraum für alle.’ Der Mann trug Uniform, und ich war den ersten Tag in der Strafanstalt Unterwellenborn – wegen Wehrdienstverweigerung.“ Da sei ihm nochmals klargeworden, dass die DDR Parallelen zu einem großen Gefängnis aufgewiesen habe. Der SED-Staat sei wie eine russische Matrjoschka: „Lauter verschachtelte Gefängnisse!“ Man habe in der DDR das Recht auf Arbeit und einen für alles sorgenden Staat im Tausch gegen Freiheit und seine Bürrgerrechte erhalten. „Auch deshalb war die Geschichte der DDR eine Geschichte des wirtschaftlichen Scheiterns.“, so Vaatz.

Stipendiatin fragt, Politiker antwortet: Lucia Szymanowksi und Arnold Vaatz (Foto: Armin Peter).

Stipendiatin fragt, Politiker antwortet: Lucia Szymanowksi und Arnold Vaatz (Foto: Armin Peter).

Alle drei Referenten waren sich einig, dass eine Relativierung und Verharmlosung der SED-Diktatur unbedingt zu vermeiden seien. Auerbach zog eine bittere Bilanz: „Nach der friedlichen Revolution dachten wir, wir hätten gewonnen – und am vergangenen Sonntag musste ich wieder sehen, wie die beiden Stasi-Spitzel Gysi und Bisky neben demokratischen Parteivorsitzenden im Fernsehstudio standen. Dreist und ungeniert sitzen heute die alten Kader immer noch in hohen Positionen, es ist, als hätten die Nazis damals nahtlos weitergemacht.“

Grasemann erklärte, warum eine permanente Pravention wichtiger denn je sei: „Ist die Diktatur erst einmal da, so kann man sie nur schwer beseitigen. Daher muss man den Leuten konsequent die bittere Realität in der DDR vor Augen führen – nur so kann eine Wiederholung vermieden werden.“

Der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU Fraktion beklagte die Lebenslüge der 68er-Generation: „Verherrlichung der DDR ohne jemals dort leben zu wollen – das ist doch verlogen!“ Die Wiedervereinigung sei die größte politische Niederlage der 68er gewesen. „Das heißt aber auch, dass viele von ihnen heute noch versuchen, die Geschichte nach ihren Maßstäben umzuschreiben, um in Bezug auf die DDR doch noch das letzte Wort haben zu können.“ Die Sieger der Revolution,  so befanden Auerbacher und Vaatz, seien vielfach nicht die mutigen Bürgerinnen und Bürger gewesen, sondern die alten Eliten. „Sie hatten die nötige Führungserfahrung, und Vernetzung und konnten schnell Kontakte knüpfen.“

Dem stimmte auch Geschichtslehrer Manfred Weiß aus dem Wartburgkreis zu: Der Mittfünfziger beklagte die Tatsache, dass er nach der Wende nie die Geschichte der DDR habe unterrichten dürfen – auf Weisung seines Schulleiters. „Ich hatte zudem in der Gauck-Behörde über Stasi und IMs vor Ort nachgeforscht – daraufhin wurde ich massiv gemobbt und unter Druck gesetzt, es hagelte Disziplinarstrafen und man versuchte, mich zu versetzten, wogegen ich mich aber erfolgreich wehren konnte.“ Der Schuldirektor sei inzwischen außer Dienst gestellt worden, dennoch, so Weiß, gehe das Mobbing weiter. „Ich habe herausgefunden, dass die Hälfte der Stasilehrer nie entlassen worden sind!“

„Intellektuelles Versagen“ des Staates

Auf diese emotionale Rede hin entbrannte eine lebhafte Diskussion. Viele Schülerinnnen und Schüler meldeten sich nun ebenfalls zu Wort: Die Geschichte der sozialistischen Diktatur sei nur wenig bis gar nicht im Unterrichtbehandelt worden, so das erste Hauptanliegen. Arnold Vaatz bedauerte das „intellektuelle Versagen“ des Staates in diesem Punkt.

Dies bestätigte auch Thomas Auerbach: „Leider haben die Kräfte von links es geschafft, in unserer Gesellschaft hohes Ansehen zu erringen. Das zeigt, das man auch heute um Demokratie jeden Tag kämpfen muss!“ Dr. Grasemann warnte an diesem Punkt davor, die „Linkspartei“ als verfassungsfeindlich zu bezeichnen: „Denn dann wäre die Grundlage für ein Verbotsverfahren gegeben, und das ist im Moment nicht der Fall.“ Diese Aussage wurde von Vaatz und Auerbach heftig kritisiert. Beide waren sich einig, dass die umbenannte SED nicht demokratisch sei.

Das Publikum war nun voll in die Debatte eingestiegen. Viele Jugendliche zeigten sich frustriert angesichts der Konturlosigkeit der demokratischen Parteien. “Was soll ich wählen, wenn alle fast das Gleiche sagen?“ so lautete die Frage vieler Schülerinnen und Schüler. Auerbach ermutigte die jungen Leute, sich einzubringen: „In irgendeiner Partei findet ihr sicher Positionen, die ihr vertreten könnt. Nehmt eure Rechte wahr!“ Er betonte auch, dass die Demokratie Schwächen habe. Dennoch brauche diese Staatsform Menschen, die sich einbringen, denn die Parteien, so Auerbach, könnten nur mitwirken. Arnold Vaatz äußerte zur Überraschung vieler Anwesender Verständnis für Nichtwähler. Gleichzeitig plädierte er für ein Mehrheitswahlrecht, „damit die Parteien wieder schärfere Konturen zeigen können.“ Grasemann merkte an, dass der DDR-Bürger sich erst noch daran gewöhnen müsse, staatsbürgerliche Verantwortung zu übernehmen.

Die lebhafte Diskussion wurde erst unterbrochen, als Moderatorin Lucia Szymanowsky das Ende der Veranstaltung ankündigte und die Referenten um ein kurzes Schlußwort bat. Einig waren sich die drei darin, dass die Jugendlichen nun gefragt seien: „Eure Generation muss es raffen, die Demokratie braucht Demokraten!“

Verfasst von: Redaktion | 9. Juni 2009

„Es darf nie ein Schlussstrich gezogen werden“

Die Bewertung der Vergangenheit hängt immer vom persönlichen Erleben der Betroffenen ab. So ist das auch im Umgang mit der DDR. „In der DDR war nicht alles schlecht“, sagen viele. Wird die sozialistische Diktatur heute beschönigt? Wir die Leistung der friedlichen Revolutionäre nicht genug gewürdigt? Um diese Frage drehte sich die Podiumsdiskussion zur Eröffnung des Jugendkongress 2009 in Erfurt.

Von Elisa Stein und Marcus Pfeiffer

„Es gibt sehr viel Verklärung im Bezug auf die DDR“, sagt Joachim Gauck, Vorsitzender des Vereins „Demokratie Jetzt e.V“ und ehemaliger Leiter der Behörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen. In diesem Punkt herrscht weitgehender Konsens mit den übrigen Teilnehmern Kathrin Göring-Eckardt, Vize-Bundestagspräsidentin und Vorsitzende der EKD-Synode, Dieter Althaus, thüringischer Ministerpräsident, und Skisprung-Legende Jens Weißflog. Letzterer betont aber auch, dass „es auch einen Alltag in der DDR“ gegeben habe, den man nicht vergessen dürfe.

„Sicherlich gab es in der DDR ein gutes Leben, aber nicht für alle“, meint Göring-Eckardt. Den angepassten Bürgern, deren Leben vom SED-Regime weitgehend unbehelligt blieb, stehen die Schikanen gegenüber polischen Aktivisten entgegen. „Wer nicht in der Partei war, durfte auch nicht studieren, was ihm gefällt“, fügt Joachim Gauck aus eigener Erfahrung hinzu. „Ich selbst wäre wahrscheinlich Journalist geworden. Aber nicht in diesem Staat. Also bin ich in die Kirche gegangen.“

Die Podiumsdiskussion mit Ministerpräsident Althaus (2. v.r.) eröffnet den Jugendkongress (Foto: KAS).

Die Podiumsdiskussion mit Ministerpräsident Althaus (2. v.l.) eröffnet den Jugendkongress (Foto: KAS).

Die DDR war ein Unrechtsstaat, wie Ministerpräsident Althaus betont. „Jedes Gesetz konnte außer Kraft gesetzt werden“. Hinzu kommen die Überwachung durch die Staatssicherheit und gegenseitige Denunziationen unter den Bürgern. Auch die fehlende Reisefreiheit und die alltägliche Mangelgesellschaft erregten die Bevölkerung.

„Die Kirchen waren ein Ventil“, sagt Göring-Eckert. „Hier konnte man sich selbst einbringen und frei sprechen. In Diskussionen konnten wir über Verbesserungen in unserem Staat nachdenken: Wir wollten einen gerechten Staat mit Frieden und Freiheit.“ Den Bürgerbewegungen ging es dabei zunächst nicht um eine Wiedervereinigung, sondern um eine demokratischere DDR.

Die Überwindung der Angst

Die Menschen entwickelten den Wunsch, aus dem Leben in der Ohnmacht auszubrechen. „Plötzlich überwanden die Menschen die Angst und die Entwicklung zum Ich beginnt“, wirft Joachim Gauck ein. „Vor der Einheit kam die Freiheit und vor der Freiheit kam die Verabschiedung von der Angst. Wir sind das Volk heißt in diesem Fall: Ich bin ich und ich bin unverwechselbar.“

Zwanzig Jahre nach dem Mauerfall ist das DDR-Wissen vieler Schülerinnen und Schüler dünn gesät. Vier von fünf Schülerinnen und Schülern kennen sich nach einer Studie der Freien Universität Berlin sich mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte aus. „Nicht jeder will schlau werden, mancher will bekloppt bleiben“, meint Joachim Gauck. „Es darf nie ein Schlussstrich gezogen werden. Alle müssen das wissen.“ Dem stimmt auch Katrin Göring-Eckardt zu: „Ihr müsst nachfragen. Fragt eure Eltern, Großeltern, die Freunde der Eltern. Guckt euch an, wo passt etwas zusammen und wo nicht.“ Ministerpräsident Althaus bringt es auf den Punkt: „Die Demokratie braucht Menschen die nachfragen. Deswegen sind wir hier.“

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